Foto: Gert Lanser
Ein Gespräch mit Sabine Polatschek – Gründerin der Waldkindergruppe „Waldfexxx“ – über die Entstehungsgeschichte von „Waldfexxx“, die Wichtigkeit von gelebter Gemeinschaft und elementarer Erfahrungen für Kinder im Kontext Wald – und was ihre Prioritäten wären, wäre sie Bildungsministerin.
Das Interview ist dem Buch „Waldkindergärten und Naturkindergruppen in Österreich“ von Christine Glaser-Ipsmiller und Rainer Wisiak entnommen.
Liebe Sabine, du hast ja den „Waldfexxx“ nicht nur fast zwei Jahrzehnte lang geleitet, sondern 2003 auch gegründet. Was waren damals deine Beweggründe, dieses Projekt ins Leben zu rufen?
Nun, zum einen war es nicht mein erstes Projekt, schon Jahre zuvor hatte ich in Tirol mit gleichgesinnten Menschen die Kindergruppe „Schpumpernudl“ gegründet und in Folge dann eine Hausunterrichts-Gruppe im eigenen Wohnhaus.
Mit dem Umzug nach Niederösterreich waren wir als Familie dann eng mit der „Lernwerkstatt im Wasserschloss“, einer großen freien Schule in Pottenbrunn in der Nähe von St. Pölten, verbunden. Unsere Kinder gingen dort zur Schule und ich bin im Herbst 2002 als Begleiterin eingesprungen, weil ein Team-Mitglied ausgefallen war. Ich kann mich aber erinnern, damals dem Team schon kommuniziert zu haben, dass ich längstens bis Februar 2003 bleiben werde, weil ich mich ab dann voll auf den Aufbau eines Wald-Kindergruppen-Projektes konzentrieren möchte. Ich war ja mit den eigenen vier Kindern sehr viel in der Natur unterwegs und das hat mir gezeigt, dass die Natur für junge Menschen ein unglaublich reicher und gesunder Erfahrungs- und Entwicklungsraum ist. Erst dachte ich noch daran, ob das Projekt vielleicht ein „Ableger“ der Lernwerkstatt werden könnte, letztlich haben mir aber auch Menschen mit Erfahrung gesagt: Mach es alleine! Wobei, was heißt schon „alleine“. Ohne Stefan – meinen damaligen Partner und Vater unserer gemeinsamen vier Kinder –, der den dazu notwendigen Verein mit mir gegründet und sich um die Finanzgeschichten gekümmert hat und ohne Reflexion in pädagogischen Belangen mit meiner Freundin Christine Glaser-Ipsmiller wäre vieles nicht möglich gewesen. Ich habe nach dem Start vom Waldfexxx zwar jeden Tag aufgeschrieben, was sich ereignet hat und Kinderprotokolle geführt, aber es war mir wichtig, Christines Blick auf die Dinge zu haben und so habe ich gesagt: „Christine – ich brauche dich mit deiner Erfahrung zum Reflektieren.“
Eine große Hilfe für meine Entscheidung war mir auch, dass ich im Winter 2002/03 für zehn Tage in der „Kinderstube“ in Höchst in Vorarlberg hospitieren durfte. Die hatten damals neben der Haus-Gruppe schon eine Wald-Gruppe und ich konnte dort die Gruppendynamik miterleben und auch sehen: das ist bei jedem Wetter machbar! Denn es gab ja zu der Zeit in Niederösterreich noch keinen Waldkindergarten, in welchem man hospitieren hätte können.
Wie gestalteten sich dann die ersten Jahre?
Eine wichtige Frage war natürlich: Wie kann man ein solches Projekt an Eltern herantragen? – denn niemand hat in Niederösterreich so etwas gekannt oder so etwas für möglich gehalten. Von der „Kinderstube“ in Höchst bekam ich die Erlaubnis, die dort gemachten Fotos für die lokale Zeitung verwenden zu dürfen, um mein Projekt anzukündigen. Die ersten Folder hatten den Titel: „WALDFEXXX … und Wände so weit wie die ganze Welt“ – und ich bin dann in der Stadt unterwegs gewesen und habe sie allen Menschen, die mit einem kleinen Kind unterwegs waren, in die Hand gedrückt. Sogar auf einem Kinderfasching war ich und habe dort als „Waldfex“ verkleidet Folder verteilt, damit die Menschen erst einmal erfahren, dass etwas Neues kommen wird.
Gestartet habe ich dann mit fünf Kindern, deren Eltern bereit waren, einen Jahresvertrag zu unterschreiben. Und ich muss heute sagen: das waren mutige Eltern! Weil eigentlich hatten sie lange Zeit nur mich und meine Begeisterung kennengelernt – den heutigen Waldplatz hatten wir ja noch nicht, ebenso auch noch kein Tipi. So fanden die „Probe-Tage“ ganz woanders statt, an einem Platz, der wenig einladend war. Dort wimmelte es vor riesigen Waldameisen – die kennen wir natürlich auch von unserem aktuellen Waldplatz, aber jene dort haben uns angekrabbelt und gezwickt und ich habe gemerkt, welch großen Stress die Kinder damit hatten. Und an einem anderen Probe-Tag geschah folgendes: Ich war gerade dabei, eine Geschichte zu erzählen, als plötzlich ein „Busch“ aufstand – der sich dann als ein vom Bundesheer getarnter Soldat bei einer Übung entpuppte. Wir waren recht erschrocken und uns wurde klar: das ist nicht unser Wald! Zum Glück haben wir dann bald unseren heutigen Waldplatz gefunden.
Die ersten beiden Jahre habe ich alleine gearbeitet und das erste Jahr auch kein Gehalt bezogen, um ein finanzielles Polster aufzubauen, denn ich wusste aus Erfahrung, wie wenig finanziellen Spielraum wir haben würden, wenn eine zweite Betreuungsperson einsteigt. Zu dieser Zeit hat sich zum Glück ein sehr feiner Kontakt zu Martha Denk, der damaligen Kindergarten-Inspektorin ergeben, die von der Idee eines Waldkindergartens begeistert war und eine Kooperation mit dem Landeskindergarten in Krems vorgeschlagen hat, was bedeutete: Einmal im Monat kam von dort eine Gruppe von Kindern, um mit uns einen Vormittag im Wald zu verbringen. Und es war eine wirklich gelebte Kooperation mit Austausch und gegenseitigen Treffen. Dafür haben wir vom Land eine Unterstützung von ca. 7000 Euro im Jahr erhalten – für ein so kleines Projekt wie das unsere damals kein unbedeutender Betrag und so konnten wir in unser drittes Jahr mit einer zweiten und – das war mir wichtig – männlichen Betreuungsperson starten. Bis dahin hieß es für mich: Ich darf natürlich nicht ausfallen – und ich war auch über viele Jahre hinweg nicht krank!
Was ich noch anfügen möchte: Es war mir von Anfang an wichtig, altersmäßig „von unten her“ zu starten, mit Dreijährigen – und mit diesen dann mitzuwachsen. Es gab zu Beginn einmal eine Anfrage hinsichtlich eines sechsjährigen Kindes und da habe ich gemerkt, das ist mit diesem Gedanken des gemeinsamen Wachsens nicht vereinbar. Also altersmäßig von unter her zu starten und mitzuwachsen – denn all das war für mich ja auch neu, ich habe ja auch nicht gewusst, was das heißt: ein ganzes Jahr mit den Kindern jeden Tag wirklich draußen zu sein! Ich habe mir aber gedacht: vielleicht ist es auch nur für ein Jahr – aber dann weiß ich, wie es ist. Nach einem Jahr habe ich aber gewusst: das ist ein Wahnsinn – das ist einfach nur toll, solche Plätze braucht es dringend für Kinder!
Was euch aber von Anfang an klar war – und das unterscheidet euch wesentlich von den im nächsten Kapitel portraitierten „Gatschhüpfern“ –, ist eure Vereinsstruktur. Während es sich bei den „Gatschhüpfern“ um eine von Eltern organisierte Naturkindergruppe handelt, können bei euch Eltern keine Vereinsmitglieder werden. Weshalb nicht?
Bezüglich dieses Entschlusses hat es einfach ganz viele Vorerfahrungen gegeben. Als beispielsweise damals in Tirol unsere Hausunterrichts-Gruppe gewachsen ist, hatten wir bald das Gefühl, dass uns das eine zu große Verantwortung wird und wir haben diese an die Elterngruppe übergeben. Ich kann mich noch erinnern, das Mauricio Wild – wir haben zu der Zeit für Rebeca und Mauricio Wild Seminare organisiert – damals gesagt hat: „Das ist keine gute Idee!“ Und das hat sich später auch bewahrheitet. Das Projekt hat dann eine andere pädagogische Linie eingeschlagen, da kamen beispielsweise Ängste auf, dass die Kinder auf diesem freien Weg doch nicht genug lernen könnten etc. – und wir haben uns letztlich von unserem eigenen Projekt, das mittlerweile zu einer Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht angewachsen war, wieder getrennt. Bei der Kindergruppe „Schpumpernudl“ gab es auch die Erfahrung, dass gerade im Kindergarten- und Kindergruppen-Bereich, wo ein so schneller Wechsel von Eltern stattfindet, es schwierig werden kann und dann viele zeit- und energieraubende Diskussionen die Folge davon sind. Wir hatten immer wieder das Gefühl, manche wollen schnell mitbestimmen, wie das Projekt „laufen“ soll und möchten oft persönliche Anliegen auf Kosten eines gut durchdachten pädagogischen Konzeptes durchsetzen.
Aber Christine und ich – wir hatten uns ja überlegt, welche Ausrichtung das Projekt haben soll. Von der Pädagogik her war das ganz klar und wir wollten da keine Abstriche machen. Wir wollten nicht, dass Eltern kommen und sagen: Ein Vorschul-Programm wäre schon wichtig oder in einen Waldkindergarten gehören unbedingt Stifte und Papier … und Betreuungszeit bis 16 Uhr wäre auch wichtig, denn das brauchen wir jetzt. All diese Dinge wollten wir nicht mehr in elendslangen Diskussionen durchkauen und so war uns von Anfang an recht klar: das ist jetzt etwas, das WIR gründen. Hinzu kam, dass unsere Kinder ja schon groß waren, wir somit auch nicht durch Eltern-Rollen in unser Projekt involviert waren … und Enkelkinder waren damals noch in weiter Ferne 🙂 So war uns irgendwie klar: Wir stellen die Vereinsmitglieder und wir machen keinen Elternverein mehr. Das waren die Hauptgründe für unsere Entscheidung – womit uns aber auch bewusst war: die Arbeit bleibt dann an uns hängen! Das ganze Administrative und und und …
All die Aufbauarbeit ist immer ohne Elternmitarbeit vonstatten gegangen?
Das ist alles ohne Elternmitarbeit geschehen. Vom Aufstellen des Tipis bis hin zur Sponsoren-Suche. Da haben sich dann schon viele Aufgaben bei mir angesammelt, welche nach meinem Ausscheiden aus dem Projekt nun der Leitungskreis übernommen hat. Und vieles geschieht auch im Beisein der Kinder, wie zum Beispiel die Platzpflege während des ganzen Jahres. Die Kinder lieben es, ihren Platz mitzugestalten und zu helfen! Gerade diese Arbeit um unsere Plätze herum – es ist ja wunderbar, das mit den Kindern zu machen. Da denke ich mir zum Beispiel: Ach, beim und im Tipi ist so viel Laub und beginne, dieses einzusammeln – und schon sind einige Kinder mit großer Begeisterung dabei! Es ist ja auch so ziemlich alles, was am Platz entstanden ist – außer dem Aufstellen des Tipis –, im Beisein der Kinder gemacht worden. Ich erinnere mich, dass es im ersten Jahr noch keine Waldgarderobe gegeben hat und wir die Rucksäcke einfach bei einem Baum abgestellt haben. Irgendwann war aber klar: Wir brauchen da ein bisschen eine Struktur. So haben wir die erste Waldgarderobe gebaut und die Kinder waren einfach mit dabei und haben das miterlebt – und wollten natürlich auch Steckerl schnitzen, die als Garderobehaken dienten. Und wenn die Erwachsenen anfangen zu sägen und zu schnitzen – das wird so reizvoll für die Kinder. Die wollen das ja unbedingt auch machen, was sie bei den Erwachsenen sehen. Ich habe immer das Gefühl, das beste ist, man lebt einfach zusammen …
Zwischenzeitlich war es ja doch eine sehr große Gruppe … an die 50 Kinder?
Ja – einmal hatten wir sogar über 50 Kinder! Inzwischen sind es an die 30 Kinder – was ja aber immer noch eine große Gruppe ist.
Wie aber kann für Eltern eine Gemeinschaftsgefühl entstehen – ohne Mitarbeit oder tägliches Eingebunden-Sein? Genügt es, salopp gesagt, wenn man ein Konzept toll findet?
Nein, ich denke, ein Konzept alleine würde für das Entstehen eines Gemeinschaftsgefühls natürlich nicht genügen. Es beginnt damit, dass wir mit einem gemeinsamen Fest starten und es gibt Rituale, wo Eltern auch mit dabei sind – wie beispielsweise dieses Ritual zu Beginn des Kindergartenjahres, bei welchem die Eltern ihre Herzenswünsche für ihr Kind für das kommende Jahr symbolisch mit einem Waldschatz ins Tipi tragen. Und es gibt die gemeinsamen Elternvormittage, die wir haben – anstelle der Elternabende. An solchen Vormittagen – es sind immer Samstage, an denen die Kinder nicht im Wald sind – kommen die Eltern für drei Stunden zu uns in den Wald und wir setzen uns gemeinsam mit einem pädagogischen Thema auseinander. Diese Vormittage finden ungefähr alle sechs Wochen statt und so kommen wir auf sechs bis sieben solcher Treffen pro Jahr.
In meinen Augen sind diese Vormittage mit den Eltern ganz wesentlich für das Gelingen des Projektes, weil wir da wirklich essentiellen Dingen gemeinsam auf die Spur gehen können, wo die Eltern erst in Kleingruppen arbeiten können und wir das Erarbeitete dann in Großgruppe zusammentragen. Diese Elternvormittage starten auch immer mit einem Spiel, das macht das ganze von Anfang an locker und lustig. Und spielen ist immer etwas, das zur Gemeinschaftsbildung beiträgt. Das ist etwas, wo wir gemerkt haben: da kommen und finden Eltern zusammen und es fallen gewisse Ängste und Meinungen darüber, wie man vielleicht sein sollte, weg – denn jeder sollte doch mit dem da sein können, was gerade authentisch und wichtig ist.
Gemeinschaft entsteht aber auch beim Bringen der Kinder in der Früh oder beim Abholen zu Mittag. Da passiert – gerade in der warmen Jahreszeit – unter den Eltern ganz viel, denn zusammen an einem solchen Platz zu warten und gemeinsam zu erleben, wie die Kinder oft mit Stöcken und Waldschätzen beladen und reich an Erlebnissen aus dem Wald kommen, heißt auch: da ist so viel gemeinsame Freude und da wird so viel miteinander geteilt. Oft ergibt sich dann oben am Waldrand sogar ein gemeinsames Mittagessen oder es wird gepicknickt. So entstehen auf diese Weise über die Kinder dann Freundschaften. Wir fahren dann – und die Eltern bleiben oft noch beim Treffpunkt-Platz 🙂
Was wären Beispiele dafür, wo eine Elternmitarbeit dennoch gefragt ist?
Eltern werden sehr wohl gebeten, punktuell immer wieder mitzuhelfen, zum Beispiel, wenn es eine Veranstaltung zu organisieren gibt. Wir organisieren zwei bis drei Veranstaltungen im Jahr und da bitten wir die Eltern schon, mitzuhelfen und mitzuorganisieren. Es geht ja immer um die Frage, wie wir das Budget aufbessern können – denn mit den Elternbeiträgen alleine wäre das Projekt nicht finanzierbar. Und was wir den Eltern immer nahelegen: Bitte verteilt unseren Flyer – mit dem so schönen Moos-Herz drauf! – und macht Werbung für unseren Waldfexxx-Club, bei welchem man schon ab acht Euro Mitglied sein kann und zu bestimmten Veranstaltungen kostenfrei eingeladen wird. Es wäre wichtig, wenn jedes Elternteil immer ein paar Flyer in der Tasche hat, um jederzeit Freunde fragen zu können: Magst du nicht auch dieses Projekt unterstützen?
Zusätzlich zu den Elternbeiträgen Geld aufzustellen ist also eine wichtige Sache?
Natürlich! Über viele Jahre hatten wir einen großen Kreis an Sponsoren, wir nannten ihn „Freunde des Feuers“, nicht zuletzt auch deshalb, weil finanziell immer wieder „der Hut gebrannt“ hat 🙂 Aber diese Freunde sind natürlich alle so in meinem Alter und im Zuge dessen, dass sie ihre Firmen übergeben oder in Pension gegangen sind, hat sich immer wieder jemand von diesem Kreis verabschiedet – es braucht diesbezüglich einfach immer wieder neue Ideen und Anläufe …
Eine kleine Möglichkeit der Förderung entsteht natürlich auch dadurch, dass wir eine vom Land anerkannte Tagesbetreuungseinrichtung sind. Aber bezüglich solcher Förderungen bin ich sehr vorsichtig geworden – siehe Kooperation mit dem Landeskindergarten: da ist uns die Förderung von einem Tag auf den anderen, quasi ohne Ankündigung, über Nacht gestrichen worden. Das ist dann schon bitter, wenn man bei der Jahresplanung solche Geldbeträge fix einberechnet hat.
Und mit den Förderungen sind wahrscheinlich auch immer gewisse Auflagen verbunden …
Ja, beispielsweise die Ausbildung der Begleiter und Begleiterinnen des Waldfexxx. Mir waren aber immer die Menschen wichtig, die mitarbeiten – und nicht deren Ausbildung. Eine solche, hatte ich das Gefühl, passiert ja eigentlich immer bei uns im Projekt selbst – und wir arbeiten letztlich doch auch so ganz anders …
Für eine „Ausbildung“, die es bei uns braucht, gibt es ja auch ganz andere Möglichkeiten – ein Beispiel: Die ersten zehn Jahre, die ich beim Waldfexxx gearbeitet habe, lebte ich in Krems-Stein und bin jeden Tag zu Fuß von meiner Haustüre weg über eine Stunde durch Weinberge und Wald zu unserem Waldplatz gewandert – das war für mich immer die Einstimmung, um oben gut in mir anzukommen. Und mit der Zeit hat es sich so ergeben, dass auch andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich vor meiner Haustüre eingefunden haben. Wir sind dann gemeinsam hinaufspaziert und haben schon hingespürt: Wie ist das Wetter? Was ist heute für eine Tagesstimmung? Wir haben schon beim Raufgehen den Vortag reflektiert und waren dann, oben angekommen, schon sehr präsent in den Themen drinnen und ganz offen für die Kinder da. Und im Gehen bewegt man sich ja – und dann kommen auch die Fragen. Ich habe immer das Gefühl, im Gehen bewegen wir die Dinge! Das ist viel besser, als man sitzt irgendwo herum und deshalb finden unsere Elterngespräche oben im Wald ja auch im Gehen statt 🙂
Früher habe ich die Eltern für die Elterngespräche immer zu Hause besucht, aber seit einiger Zeit ist es nun so, dass diese immer in der ersten Stunde am Vormittag stattfinden. Zu der Zeit ist die Gruppe mit den Begleitern und Begleiterinnen noch bei den Kletterbäumen und es ist möglich, dass ein Begleiter oder eine Begleiterin mit einem Elternpaar im Wald unterwegs ist und bespricht, was es zu besprechen gibt. Unsere Erfahrung ist auch, dass die Gespräche ganz anders verlaufen, wenn diese an Ort und Stelle und in dieser Energie und Natur stattfinden. All das beheimatet die Eltern dort oben auch sehr.
Zwei Jahrzehnte sind eine lange Zeit! Du hast davon erzählt, dass manche Dinge nicht verhandelbar sind – wie die Nicht-Direktivität im Zentrum eures pädagogischen Tuns oder die Struktur des Vereins. Manches – wie die eben genannten Elterngespräche – benötigt aber doch Adaptionen und Veränderungen. Kannst du da noch andere Beispiele nennen?
Also ich kann mich da an eine eigene Erfahrung erinnern – und muss heute noch darüber lachen: Zu Beginn des Waldkindergartens – eigentlich nur die ersten Wochen – habe ich mir immer schon vorab überlegt, welche Geschichte ich den Kindern am Ende des Vormittags erzählen könnte. Oft war es eine Bilderbuch-Geschichte, die ich gelesen hatte und ihnen dann in freien Worten nacherzählt habe und manchmal war es eine erfundene Geschichte, bis ich gemerkt habe: das ist ja völliger Blödsinn! Denn wir erleben gemeinsam einen Vormittag, an dem so viele Dinge passieren – das muss ja eingebaut werden!
Es hat auch immer wieder Zeiten gegeben, an denen etwas sehr präsent war … und dann ist es wieder weniger geworden – zum Beispiel das „Original Play“ von Fred Donaldson. Ich hatte ihn kennengelernt, bei ihm Seminare gemacht und war begeistert davon, in dieser Form mit den Kindern in Kontakt zu treten. Und es hat eine Zeit gegeben, da war ein Platz im Wald für dieses „Original Play“ vorbereitet und wenn ein Begleiter oder eine Begleiterin dort drinnen war, war schon klar: die Kinder beginnen sich im Kreis um diesen Platz hinzusetzen und steigen vielleicht in das Spiel ein. Und irgendwann war all das wieder verschwunden. Es wird jetzt beim Spielen auf der Wiese immer wieder einmal eingebaut, aber es gibt diesen Rahmen und diesen Platz in der früheren Form nicht mehr.
Viele Dinge verändern sich auch von selber – beispielsweise die Energie von Plätzen. Man merkt es daran, ob Kinder einen Ort „bespielen“ oder nicht. Ich hatte das selbst einmal bemerkt: Es gab einmal einen Kraftplatz, an dem standen zwei riesige und schöne Buchen. An diesem Platz haben Christine und ich öfters mit den Teilnehmern des Tagesseminars Halt gemacht. Der Platz war sehr speziell und da sind Geschichten entstanden und neue Gedanken aufgetaucht, dass ich immer das Gefühl hatte: ich bin nur das Sprachrohr der Weisheit der Natur. Und irgendwann sind die geschlägert worden und damit ist dort – das war spürbar – auch diese spezielle Energie verloren gegangen.
Eine letzte, ganz andere und vielleicht eigenartige Frage: Angenommen, du wärst ab morgen die neue Bildungsministerin mit weitgehenden Befugnissen – was würdest du im Bildungsbereich verändern?
Ohhhh! Also als allererstes – und das müsste man österreichweit einführen – würde ich allen Eltern einen Bildungsscheck ausstellen, den sie bei jeder Einrichtung, ob öffentlich oder privat würde keine Rolle spielen, einlösen könnten. Ob man das jetzt Bildungsscheck oder Bildungsgutschein nennt, ist ja zweitrangig. Vom elementarpädagogischen Bereich bis hin zu den Schulen sollte gelten: Eltern können wählen, welcher Bildungseinrichtung sie ihr Kind anvertrauen wollen. Ich sehe das ja bei den Waldfexxx-Eltern, wie schwierig das finanziell oft für sie ist – und nebenbei finanzieren sie mit ihren Steuern ein System mit, das sie gar nicht nützen. Und ich glaube, wir hätten eine wesentlich bessere Bildungslandschaft – da würde so eine Vielfalt entstehen!
Des weiteren würde ich den Eltern länger finanzierte Beziehungszeiten mit ihren Kindern zu Hause zugestehen. Denn diese frühe Zeit, wenn die Kinder so klein sind, ist so essentiell für eine gesunde Beziehungsfähigkeit der Menschen. Und oft kommt man dann erst später drauf: man hat so viel versäumt, wenn Eltern und Kinder den ganzen Tag über getrennt von einander verbracht haben. Auch ist ja nicht so, dass jedes Kind, wie bei uns, seinen Spuren folgen darf. Wie oft verbringen Kinder den ganzen Tag in einer großen Gruppe innerhalb von vier Wänden und bekommen allzu früh schon eine „Maus“ in die Hand gedrückt, damit sie lernen, wie ein Computer funktioniert, all das in einem Alter, wo sie sich noch nicht einmal mit dem Wichtigsten verbunden haben – mit dem Boden, auf dem sie leben.
Aber was heißt das schon: in Beziehung sein? Ich erlebe das immer wieder, dass Eltern GLAUBEN, sie seien in Beziehung mit ihrem Kind – sie sind es aber nicht. Ich merke oft, wie kontaktlos und schnell alltägliche Handlungen passieren, zum Beispiel einem Kind die Schuhe anziehen: zackzack wird das Füßlein reingestopft und zugebunden. Ich kann das aber auch ganz anders machen. Wir spielen derartige Alltäglichkeiten mit den Eltern in Rollenspielen manchmal durch, damit man beide Varianten einmal SPÜREN kann – wenn einmal etwas zackzack gemacht wird und danach in einer kindgemäßen Abfolge, wo das Kind in seinem Tempo dabei sein kann. Und ob das jetzt diese Schnelligkeit ist oder der Umstand, dass Kinder in dem Alter schon ständig ein Tablet oder ein Handy vor den Augen haben – das sind alles so Sachen, die aufgezeigt und auf die hingewiesen gehörte: Was passiert mit dem Kind, wenn ich mich so oder so verhalte? Wie fühlt sich das an?
Eltern stehen heute vor so vielen Fragen. Als Bildungsministerin würde ich also Kurse anbieten, in denen genug Zeit ist, diesen Fragen auf die Spur zu gehen. Mit Christine hatte ich einmal die Idee: Wenn wir in Pension sind, machen wir noch etwas für Erwachsene!
Was nicht ist, kann ja noch werden 🙂
Schauen wir mal. Wichtig erscheint mir immer, nicht zu sagen: „Da kann man nichts machen – so ist dieses System halt!“ oder „da gibt es keine Zeit dafür“. Heute früh hatte ich beim Aufwachen – ich weiß gar nicht wieso – plötzlich ein Zitat von Kurt Marti im Kopf: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ So ist es: man muss gehen und schauen!
Vielen Dank für das Gespräch.



